Mein Weg


Mein Weg aus dem Schatten des Krieges 

Die leidvolle, blinde Liebe des Enkelsohnes zum ermordeten Großvater

und ihre (Er-)Lösung mit Hilfe des Familienstellens

von Reinhard Lier

 

Du gehst auf verworrenen Wegen durch dein Leben und ahnst immer wieder, dass da etwas ist, was dich festhält und magisch steuert. Etwas Geheimnisvolles, das sich in Bildern, Gedanken und vor allem in Gefühlen mitteilt – unheilvolle Ahnungen, ein Druck, eine Schwere. Und dann sind da Momente befreiender Klarheit, in denen so etwas wirkt wie Gnade: Du sollst es durchschauen, du sollst den Schleier wegziehen und alles erkennen! Und diese Wahrheit, die du erkennst, macht dich plötzlich frei.

 

Ich gehöre zu der Generation der Deutschen, die die Gnade der späten Geburt erlebt hat – wie es mal ein deutscher Bundeskanzler ausdrückte. Aber es war keine Gnade, 1960 statt 1910 geboren worden zu sein. Denn heute weiß ich sicher, dass niemand dem Schicksal der Generationen entrinnt. Niemand ist frei von dem, was vor ihm war. So auch ich nicht. 

Als ich ungefähr 5 Jahre alt war fing es an. Ich fühlte eine geheimnisvolle Last auf meinen Schultern, eine Schwere, die sich besonders immer am Silvester Abend auf mich legte. Dann kam großes Wehklagen über mich, ich sah mein Leben vor mir, und ich wusste, dass es schrecklich werden würde. Ich sah mein frühes Ende, meinen gewaltsamen Tod. Das sind meine frühesten Erinnerungen an das, was ich heute Verstrickung bzw. Identifizierung nenne. Mein Kinderleben war von einem anderen Leben überschattet, da war etwas Fremdes, was ich aber für mein Eigenes hielt. 

In der Jugendzeit fühlte ich mich immer unter Zeitdruck. Ich musste schnell mein Leben genießen und viel erledigen, denn ich würde ja nicht alt werden, Was ich auch tat, ich erlebte es sehr intensiv und hektisch und fühlte mich immer mehr dabei bedroht. Sehr früh sah ich die BBC-Sendungen über den 2. Weltkrieg und war erschüttert von den Gräueltaten der Nationalsozialisten. So distanzierte ich mich vom Deutschtum und ließ mir mit 14 Jahren die Auswanderungspapiere für Amerika vom US-Konsulat in Frankfurt kommen. Ich wollte weg, wollte Amerikaner werden, oder wenigstens „Weltbürger“, aber nur kein Deutscher bleiben. Meine Deutschlehrerin, eine fähige Dame, war mir zu stolz auf die Bundesrepublik und so regte sich Widerstand in mir.

Ich lernte intensiv Englisch, um dem amerikanischen Traum von Freiheit, Gerechtigkeit und Unschuld näher zu kommen. An sich hatte ich in Amerika als Deutscher einen guten Stand. „Good old Germany“, was auch immer das sein sollte, das klang doch gut. Man trat mir freundlich entgegen. Als ich mit 16 Jahren im Jahre 1976 zum ersten Male bei Freunden meiner Eltern in den USA war, lernte ich einen jungen Mann kennen, der begeistert von den Feldzügen Rommels in Afrika schwärmte. Ich war verwirrt und versuchte, die schrecklichen Verbrechen ins Blickfeld zu rücken, aber dieser Mann war dafür nicht zu gewinnen. Dafür gab es zum Ausgleich den „schrecklichen Deutschen“ in irgendwelchen Fernsehserien, was offenbar großen Unterhaltungswert hatte. Wie sahen die Amerikaner eigentlich die Deutschen, und was hatte ich damit zu tun?

Mit 20 Jahren hatte ich meinen Schulabschluss und reiste im Herbst allein nach Südfrankreich in die Gegend von Perpignan, wo mein Großvater mütterlicherseits im Krieg stationiert und umgekommen war. Ich mietete in einem einsam gelegenen Landhaus ein Zimmer und malte einige Ölbilder. Der innere Druck und die Unruhe nahmen ständig zu. Nachts plagten mich Todesängste. Ich befürchtete überfallen zu werden und verschanzte mich in  meinem Zimmer. Ich wollte meinem Großvater nahe sein, eigentlich suchte ich ihn, aber das war mir nicht voll bewusst. Nach einer Woche fuhr ich völlig entnervt und erschöpft nach Hause.

Mit 21 Jahren ging dann ein Traum in Erfüllung: Ich war Kunststudent an einer amerikanischen Universität in Rhode Island. In jener Kleinstadt wohnte ich in einem Haus, das einem Juden gehörte. Als ich meinen Gast-Eltern diesen Umstand mitzuteilen versuchte, konnte ich das Wort „Jude“ nicht aussprechen. Notgedrungenerweise sagte ich, er käme aus Israel. Die Gast-Eltern lächelten und fragten, ob ich zu sagen versuchte, dass er Jude sei. Mir wurde ganz heiß und ich wäre gern im Boden versunken. Sie hatten mich durchschaut.

Mir ging es zunehmend schlechter. Ich erlebte depressive Phasen und ging oft ins Kino, um mich abzulenken. Als ich Günter Grass` Film „Die Blechtrommel“ sah, brach der 2. Weltkrieg wieder in mein Bewusstsein ein: der Überfall auf Polen, die Deportation der Juden. Da wirkte irgendetwas, das ich nicht klar sehen konnte. Ich spürte nur, wie nahe ich dem Tod war. 

Während ich mit den anderen Studenten beim Malen im Kunstsaal stand, hörte ich plötzlich in mir eine Stimme, die mich aufforderte, sofort mein Studium abzubrechen und nach Deutschland zurück zu kehren. Irgendwie spürte ich, dass mein Platz  in Deutschland war. Ich reiste ab und wollte mehr wissen über die Vergangenheit meiner deutschen Vorfahren. 

Ich kam nach Deutschland zurück. Meine Ängste nahmen zu und wurden immer konkreter: Ich hatte das Gefühl, als würde hinter mir jemand mit einer Pistole stehen. Gleich würde es knallen und dann wäre alles vorbei. Immer, wenn ich eine Gasflasche sah, hatte ich Angst vor einer Explosion. Als ich in einer Reportage über das Kennedy-Attentat in Dallas erfuhr, dass man als Getroffener den Schuss nicht hört (wie einer der überlebenden Leibwächter Kennedys berichtete), war ich sehr erleichtert. Es schien also gar nicht so schlimm zu sein: Es trifft einen, man fühlt es, aber man hört den Schuss nicht – und es ist vorbei. 

Ich durchforschte die deutsche Geschichte. Dem III. Reich galt immer mein Hauptinteresse. Dann las ich über die vielen missglückten Attentate auf Hitler. Hier spürte ich den Geist des Widerstandes, der mich besonders ergriff: Der verzweifelte Aufstand der Leute um Graf Schenk von Stauffenberg. Er selber hatte ja bei einem Spitzentreffen auf dem Berghof Hitlers bei Berchtesgaden eine Bombe dabei. Aber nur weil Himmler, der Chef der SS-Truppen und Konzentrationslager, an jenem Tag fehlte, zündete er die Bombe nicht. Ich konnte es nicht fassen, wie er so eine Gelegenheit hatte vorbeigehen lassen. Es kam zur „Operation Walküre“, der Besetzung des Rundfunksenders in Berlin. Das Ganze lief offenbar so dilettantisch ab, dass die Aktion innerhalb eines Tages schon niedergeschlagen war. Ich war außer mir. Es regte mich so unendlich auf, wie schlecht das alles geplant war. Meine Gefühle, gern als Märtyrer für solch ein Ziel der Befreiung zu sterben, waren wieder sehr gegenwärtig.

1984 heiratete ich und bald war ich Vater von zwei Kindern geworden. Immer noch spürte ich die Angst der Bedrohung. Es waren Bilder des totalen Verlusts: meine Frau, meine Kinder, meinen Beruf, alles würde ich bald verlieren. Äußerlich lebte ich gut und gesichert, innerlich aber quälten mich diese Befürchtungen. Dann ging meine Frau mit den Kindern in eine religiöse Aussteigergruppe, die sich auf das Ende der Welt in Form des 3. Weltkrieges vorbereitete. Ich folgte ihr und durchlebte den 3. Weltkrieg: Wir spielten alle nur erdenklichen schrecklichen Szenarien durch. Es war das Jahr 1990. Der Golfkrieg setzte ein, und bei uns in der Gruppe sollten die Russen kommen. Mein Schicksal war besiegelt: Ich würde als erster an der Wand stehen und erschossen werden. Innerlich war ich schon gestorben, und es war angenehm – ich fühlte eine große Erfüllung und war sehr erleichtert. 

In jener Gruppe beschäftigten wir uns sehr mit dem Judentum. Ich lernte etwas Hebräisch, denn wir wollten das alte Testament auf Hebräisch lesen können. Immer wieder sah ich den Gaskammertod der Juden vor mir, und in meiner Fantasie ging ich mit ihnen in den Tod, wollte ihr Schicksal teilen, ihnen ähnlich werden – es war ein tiefes Glücksgefühl. 

Aber das Leben ging trotzdem weiter, denn die Russen kamen nicht. Ich verließ die Gruppe und kehrte in den gewöhnlichen Alltag zurück. Nachdem ich meine Kinder nach der Scheidung von meiner Frau ganz bekommen hatte, fragte ich mich, was ich tun würde, wenn ich noch 5 oder gar 10 Jahre Lebenszeit bekäme. Die Antwort war schnell gefunden: Ich wollte leben und Neues aufbauen. 1994 erwarb ich einen Hof in Süddeutschland und plante den Aufbau eines Therapiezentrums.

Die Jahre vergingen. Noch immer litt ich unter der Angst, alles zu verlieren und selber sterben zu müssen. In meiner Fantasie sah ich das Haus abbrennen, meine Kinder hatten tödliche Unfälle und ich würde dann Selbstmord begehen. Ich besuchte das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar und das Lager Mittelbau-Dora bei Nordhausen, wo Raketen in einem Stollen von Zwangsarbeitern montiert worden waren. Dort begegnete ich einem Zigeuner der Sinti, der als Kind in diesem Lager mit seinen Eltern gewesen war und durch die rechtzeitige Befreiung überlebt hatte. 

Eines Tages hörte ich im Radio das Gedicht „Wer klingelt früh morgens an der Tür?“. Da überfielen mich plötzlich Weinkrämpfe. In diesem Gedicht wird ein Mann beschrieben, der früh morgens von der NS-Geheimpolizei abgeholt wird. Zunächst klingeln andere, harmlose Menschen wie der Milchmann oder der Zeitungsbote, doch dann kommen sie: Die Herren in den langen Mänteln. Es beginnt die Reise in den Tod.

Der Film „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg zeigte mir noch einmal das unendliche Elend jener Zeit: Die bestialische Verfolgung und Ermordung der Juden in Polen. Wie war das alles in einem Bild mit deutschen Kulturgrößen wie Goethe, Schiller und Lessing zusammen zu bringen? 

 

Die Reise nach Polen

Ende der achtziger Jahre fuhr ich nach Polen. Aufgrund von Briefkontakten hatte ich immer wieder Pakete nach Polen geschickt. Nun besuchte ich einen Pfarrer nahe der russischen Grenze, brachte ihm für seine Gemeinde Kleidung, Schuhe und Lebensmittel. Ich lief mit ihm durch psychiatrische Anstalten und sah all das Elend und wollte nur noch helfen. Ich litt unter einem zwanghaften Helfer- und Rettersyndrom. Es war eine Sucht, allen möglichen Notleidenden helfen zu müssen. Ich verschenkte viel Geld, organisierte einen Paketdienst nach Polen und in die DDR (German Democratic Republic). Dann schleppte ich zwei Drogensüchtige nach Hause, die zwischen meinen kleinen Kindern saßen und die ich therapieren und retten wollte. Ich war im Helferrausch gefangen und wusste nicht, wen ich eigentlich retten wollte. Es war pure Verzweiflung: Ich selber hätte dringend Hilfe gebraucht, aber das wollte ich natürlich nicht sehen.

 

Die chassidischen Legenden des Ost-Judentums

Ich beschäftigte mich mit dem Ostjudentum, jener durch die Naziherrschaft versunkenen Welt der Frömmigkeit und Weisheit. Die chassidischen Legenden sind von Martin Buber meisterlich nacherzählt worden. Dabei faszinierten mich besonders die Geschichten des Baal-Shem-Tov („Das Rufen“). Man spürt hier die eigentlichen Wurzeln des Christentums, das sich ja erst aus dem Judentum hat entwickeln können.

 

Das Ghetto von Lodz und meine Reise nach Israel

Eines Tages stieß ich auf das Buch „Das Ghetto von Lodz“, wiedergefundene Farbbilder des Judenghettos, Dokumente des Leidens und Sterbens. Eli Wiesels KZ-Beschreibungen waren natürlich auch eine Quelle der Erinnerung an den Massenmord. Immer wieder verspürte ich den Drang, den Juden nahe zu sein und erwog zeitweise sogar den Übertritt zum Judentum, lernte Hebräisch und reiste nach Israel. Dort begegnete ich Benjamin Jeremias, mittlerweile verstorben, und seiner Frau Hannah. Benjamin hatte sich für die internationale Verständigung und Aussöhnung ein Leben lang eingesetzt. Mit ihm führte ich lange Gespräche über Christen, Juden und Muslime. Er zeigte mir einen Kibbuz und stellte mich danach seinen arabischen Freunden vor. Viele Völker hatte er in seinem Herzen integriert, er konnte sie alle achten. Das beeindruckte mich tief: Er sah den einzelnen Menschen und nahm Abstand von allen Ideologien. Doch ich suchte das Jüdische Erbe, ging nach Yad Va Shem, sah die Gedenkflammen der Konzentrationslager und erahnte das Leiden der Opfer.

 

Das fehlende Teil 

Ich ging zu vielen Heilern, doch niemand sah das eigentliche Problem. Was genau fühlte ich da und warum? Woher kam das? Niemand wusste eine Antwort. Bis ich im Februar 1996 die Arbeit des Psychotherapeuten Bert Hellinger kennen lernte. Als ich verstand, was eine Identifizierung bedeutet, musste ich nicht mehr lange nach dem fehlenden Teil suchen. Ich sah das geheimnisvolle Kernstück meines Leidens: Die Person, mit der ich identifiziert war, war mein Großvater mütterlicherseits. Ich hatte seine Gefühle seit frühester Kindheit erlebt. Es war nicht meine Todesangst, sondern seine. Die Forschungen im Hinblick auf meine Vorfahren hatten Folgendes ergeben:

Mein Vater, Jahrgang 1912, war im Krieg gewesen: Batteriechef eines Eisenbahnflakgeschütztes in Polen, Luftabwehr auf dem Bahnhof Lodz. Er hatte die schlimmen Kriegsjahre als junger Mann mitmachen müssen und ich erinnere mich an seine nächtlichen Albtraumschreie während meiner Kindheit. Man sagt, im Krieg träumen die Soldaten vom schönsten Frieden und im Frieden träumen sie vom Krieg.

Meine Mutter, Jahrgang 1928, erzählte begeistert vom BDM (Bund Deutscher Mädchen), von dem starken „Wir-Gefühl“, dieser großen Gemeinschaft. Offenbar gibt es so etwas wie eine Volksseele, eine Art Kraftfeld, das die Menschen eines Volkes vereint wie die Mitglieder einer Familie und Sippe. Man gehört eben dazu, man ist da hineingeboren und mir ist heute klar, dass man dem nicht entgehen kann. In Amerika wäre ich letztlich immer Deutscher geblieben. Natürlich gibt es dort diese übergeordnete Verschmelzung des „Amerikanischen“, und man fühlt sich Amerika gegenüber verbunden und verpflichtet, weil man frei und sicher leben kann. Aber im Herzen ist auch ein tiefer Bezug der Menschen zu ihren eigentlichen Wurzeln vorhanden. Deutlich wurde mir das, als ich vor ein paar Jahren persische Freunde in Arizona besuchte. Wenn sie unter sich waren, sprachen sie nur von einem: Persien! Ihre Sehnsucht nach der verlorenen Heimat war stark spürbar. 

Zurück zu meiner Mutter: Sie wuchs in Hinterpommern auf, wo mein Großvater als Dorfschullehrer arbeitete. Schon früh trat er in die Partei ein, obwohl man ihn als wirklichen Humanisten bezeichnen konnte. So äußerte er sich immer kritischer über die Politik Hitlers, als sich der Krieg ausweitete. Er verstand es nicht, wie das Volk der „Dichter und Denker“ so unmenschlich mit den jüdischen und politisch anders eingestellten Mitbürgern  umgehen konnte. Da er seine Meinung auch vor den Schülern immer wieder laut mitteilte, wurde er alsbald eingezogen, kam erst nach Russland und dann nach Perpignan in Südfrankreich nahe der spanischen Grenze. 

In seinen Briefen, die natürlich zensiert wurden, schilderte mein Großvater, wie schön es in Südfrankreich sei. Er liebte die französische Sprache, das warme Klima und schickte immer mal Kaffee und Schokolade an seine Frau und seine drei Töchter. Ihm gefiel Frankreich sehr, es schien die Erfüllung aller seiner Träume zu sein – so teilte er es in einem der Briefe mit. Aber es gab eine andere dunkle Seite, über die er nicht sprechen durfte: Er arbeitete als Übersetzer bei Partisanenprozessen. Diese Prozesse waren reine Scheinprozesse, denn die Todesurteile standen vorher schon fest. 

Eines Tages erhielt meine Großmutter wieder einen Brief und erstarrte vor Angst. Sie konnte ihn nicht öffnen und ging mit dem Brief zur Nachbarin. Dort wurde ihr die Todesnachricht vorgelesen. Der Brief enthielt Fotos von der Beerdigung meines Großvaters, der mit 52 Jahren „für Führer, Volk und Vaterland“ gefallen war. Was aber war genau passiert? 

Ein Kamerad meines Großvaters überlebte die Invasion der Alliierten und tauchte nach dem Krieg bei meiner Großmutter auf, um ihr noch den Ehering und andere persönliche Dinge meines Großvaters zu geben. Er sagte ihr dann die Wahrheit: Mein Großvater konnte das ungerechte, brutale Vorgehen gegen die Feinde immer schlechter ertragen und äußerte seine Meinung zunehmend deutlicher. Auch war nun, 1944, alles über das Schicksal der KZ-Häftlinge bekannt. Es ging nicht nur um Arbeitsdienst und Umerziehung, wie es mein Großvater bis dahin geglaubt hatte, es ging vielmehr um planmäßigen Massenmord. Sein Kamerad warnte ihn, er solle doch schweigen. 

Dann passierte es: Mein Großvater saß eines Tages an seinem Schreibtisch mit dem Rücken zur Tür, sein Kamerad war auch im Zimmer. Ein Soldat trat herein und richtete eine Pistole auf meinen Großvater mit der Frage, ob er sich mit französischen Waffen auskenne. Er stand auf und drehte sich um. In diesem Moment drückte der andere ab und schoss meinem Großvater in den Bauch. Er sagte noch „Das ist mein Schicksal“ und fiel auf den Boden.

Mein Großvater, ein Humanist, mit dem ich mich seit meiner Kindheit so tief verbunden fühlte und den ich später in Südfrankreich suchte und nicht fand: Er spürte die Schuldenlast der Verbrechen Deutschlands und wusste keinen Weg, diesem Schicksal zu entrinnen. Ich als sein Enkelsohn durchlebte sein Schicksal, seine Gewissensbisse, seine Ängste und sein Sterben. Sogar körperlich kann ich heute die Einschussstelle zuordnen: unterhalb des rechten Rippenbogens habe ich eine Hautzone, an der mich niemand plötzlich berühren darf. Immer, wenn es zu einer unvorhergesehenen Berührung kam, erlebte ich Angst und wehrte den Körperkontakt sofort ab. Es sind diese „seltsamen Symptome“, die von großem Wert sind und die auf die heiße Spur führen. 

Aus meiner heutigen Sicht war ich folgendermaßen identifiziert: erstens mit meinem Großvater, den ein innerer Gewissenskonflikt als Deutscher in Frankreich plagte und der dann von den eigenen Leuten ermordet wurde, und zweitens mit den Opfern des NS-Regimes generell, besonders aber mit den Juden. Ich sehe meine Opferidentifizierung auch im Sinne kollektiver Kräfte. Natürlich hatte mein Großvater auch mitgemacht und war schuldig geworden, doch war er selber zuletzt auch zum Opfer geworden.

Der Massenmord an den Juden verschiedenster Nationalitäten, den Russen, den Zigeunern und vielen anderen hat nach meiner Beobachtung bei den Spätgeborenen häufig mehr oder weniger stark zu unbewussten Identifizierungen geführt, die sich wie folgt äußern  k ö n n e n:

(ich beziehe mich hier vor allem auf meine Erfahrungen aus den vielen Familienaufstellungen, wenn es um die Darstellung von Opfern und auch Tätern des III. Reiches durch die Kinder und besonders die Enkel der Tätergeneration ging):

Bei einer Opferidentifizierung:

man lebt reduziert, leidet körperlich und/oder seelisch

immer wieder auftretende Todesangst; die Befürchtung, gewaltsam sterben zu müssen

Suicid

man hat keinen Erfolg im Leben

es zieht einen z.B. nach Israel, Frankreich, Polen oder Russland bzw. an die Orte der Verbrechen

Übertritt zum Judentum

Eintritt in ein Kloster (zur Sühne, Verzicht auf das gewöhnliche Leben)

Katholisches Priesteramt (um zu sühnen)

man verzichtet auf eigene Kinder, traut sich also nicht, das Leben weiterzugeben

Albträume von Gräueltaten, Leichenbergen, Gaskammern

man interessiert sich besonders für die Zeit des II. Weltkriegs

man besucht (regelmäßig) Konzentrationslager (wie es mir mal eine Klientin sehr deutlich sagte: „Ich fühle mich nur in Konzentrationslagern wohl, da geht es mir so richtig gut“)

man interessiert sich besonders für die Lebensweise und Kultur der Opfer, studiert zum Beispiel Judaistik

man möchte vielleicht sogar die Sprache der Opfer erlernen oder besucht deren Land

Helfer- oder Rettersyndrom

 

Bei einer Täteridentifizierung: 

quälende Schuldgefühle oder überhaupt kein Schuldbewusstsein

anmaßendes Verhalten gegenüber anderen, Überlegenheitsgefühle („Herrenrasse“)

Ausländerhass

das Bedürfnis, selber gewalttätig zu sein und schuldig zu werden und im Gefängnis oder in der Psychiatrie die Strafe – unbewusst  f ü r  den Täter! –  zu ertragen

Aggressionsausbrüche

Rechts- oder Linksradikalismus

Auswanderung nach Übersee (Verzicht auf die Heimat: man geht ins Exil)

Waffensammler

Verherrlichung des Krieges

 

Bei einer bestehenden Täter-und-Opferidentifizierung (Doppelidentifizierung) tauchen in einer Person beide genannten, sehr gegensätzlichen Symptome in stetigem Wechsel auf, was im allgemeinen als Psychose eingestuft wird. Die Psychose hat nach den Beobachtungen beim Familienstellen meistens eine Doppelidentifizierung oder eine gegengeschlechtliche Identifizierung (ein Mann ist mit einer Frau oder eine Frau ist mit einem Mann identifiziert, weil kein gleichgeschlechtlicher Identifizierungspartner in der Familie vorhanden ist) als Ursache.

So ist die „Gnade der späten Geburt“ eine Illusion. Das deutsche Erbe wirkt in den Seelen der Spätgeborenen weiter, und dies meist völlig unbewusst. Es gibt zum Beispiel ein Bestreben des Ausgleichs, der Wiedergutmachung. Im Folgenden möchte ich zur Verdeutlichung der Verstrickungsthematik noch die andere Seite, die der spätgeborenen Juden ergänzen.

 

Verleugnetes Judentum

Vor ein paar Jahren war mein Sohn zum Schüleraustausch in Frankreich. Eine französische Schülerin verliebte sich in ihn und ich lud sie und ihre Familie zu Besuch nach Deutschland ein. Eines Tages kamen sie: Vater, Mutter, Tochter und noch sehr kleine Zwillinge. Irgendwie aber passte das alles nicht ganz zusammen, als ich mir die Familie so anschaute. Beim Abendessen kam ich seltsamerweise aufs Judentum zu sprechen. Ich erzählte von meiner Reise nach Israel, den chassidischen Legenden and sprach sogar ein paar Sätze Hebräisch. Mutter und Tochter schauten sich elektrisiert an. Ich war unbeabsichtigt an einen wunden Punkt der Familie gekommen. Später fiel mir auf, dass die Tochter beim ausgelassenen Spielen mit meinem Sohn etwas Angespanntes, Hysterisches ausstrahlte. 

Als ich mit der Mutter allein war, erzählte sie mir, dass sie jüdische Großeltern habe und dass ihr Mann nicht der Vater ihrer Tochter sei. Es gab einen ersten Mann, einen Juden, der sei der Vater, aber die Tochter kenne ihn gar nicht. Er habe sich nach der Geburt der Tochter bald von ihr getrennt. Weiterhin sagte sie mir, die Tochter wolle nicht, dass mein Sohn von ihrer jüdischen Abstammung etwas wissen dürfe – auf gar keinen Fall! Hier wurde also das Judentum verleugnet, was meist aus Angst vor Diskriminierung geschieht. Ich warnte die Mutter, die Tochter habe damit ein ernstes Problem, das unbedingt gelöst werden müsste, sie könnte sonst später regelrecht verrückt werden. Als erstes müsse sie ihren Vater kennen lernen und zum Judentum zurück finden. Jüdische Opfer im Rahmen des 2. Weltkrieges schien es nach Auskunft der Mutter nicht zu geben. Doch weiß ich heute, dass das kollektive Energiefeld des Judentums Wirkungen auf alle Juden hat, ganz gleich, ob es konkrete Opfer in der Familie gibt oder nicht.

Ich sprach dann allein mit der Tochter und bot ihr an, eine Familienaufstellung mit ihr zu machen. Nach einer Weile fasste sie Vertrauen und willigte ein. Ich rief einen benachbarten Freund, der den wirklichen Vater der Tochter darstellen sollte. Eine Mitarbeiterin vertrat die Mutter. Ihre wirkliche Mutter brauchte ich bei dieser Aufstellung nicht, so fühlte sich die Tochter freier, sich dem Geschehen anzuvertrauen. Sie sollte nun Vater und Mutter im Raum aufstellen, so wie sie es fühlte. Nachdem das geschehen war, sollte sie ihre eigene Position in Beziehung zu beiden einnehmen. Soweit ich mich erinnere, stand sie nah bei der Mutter, der Vater war in der Ferne. Ich führte sie langsam näher zum Vater. Sie war sehr aufgeregt. Ich sagte ihr, sie solle den Vater anschauen und ihm auf Französisch sagen „Ich bin jüdisch wie du!“ Sie traute sich zunächst nicht, diesen Satz frei zu sagen. Nach einer Weile schaffte sie es dann, laut und kraftvoll diesen wichtigen Satz auszusprechen. Die Ergänzung zum „Ich bin jüdisch wie du!“ war dann „Und alle dürfen es wissen!“  

Nun umarmte sie der Vater und hielt sie fest. Ich ließ sie die Kraft vom Vater nehmen, was ihr sehr gut tat. Dann führte ich die Mutter nahe zum Vater, und sie schaute beide an mit dem Satz „Ihr seid meine richtigen Eltern“ und „Wir haben jüdische Vorfahren“. Dann umarmten die Eltern das Kind und sie nahm von beiden die Kraft des Lebens. Damit ließ ich es gut sein. Ich sagte ihr, das müsse nun wirken und sie solle nicht darüber sprechen.

Ungefähr drei Monate später erhielt ich ein Paket mit einer Menora, dem siebenarmigen jüdischen Leuchter, und einem freudigen Dankesbrief von ihr. Sie hatte ihren wirklichen Vater in Paris aufgesucht und die große Verwandtschaft kennen gelernt und wurde sehr gut aufgenommen. Hin und wieder würde sie nun in die Synagoge gehen, schrieb sie mir, was ihr sehr gefiele. Es ginge ihr nun so richtig gut.

Alles hatte sich völlig unbeabsichtigt irgendwie ergeben. Ich war da so hineingerutscht, und genau so stimmte es und durfte es sein. Mein einstiges Helfersyndrom war ja mit der Lösung von meinem Großvater verschwunden, und so durfte ich fast zuschauen, wie sich alles von selber entwickelte. Das Entscheidende hatte die Schülerin selber getan: sie war der Sehnsucht nach ihrem fehlenden Vater gefolgt und hatte ihn endlich ganz in ihr Herz genommen. So durfte auch ihre Angst vor dem Judentum ein großes Stück weit umgewandelt werden.

 

Lösende Bewegungen

Meine Verstrickung löste sich nach einer Familienaufstellung im Laufe von 2 ½ Jahren ganz auf. Ich schaute auf meinen Großvater und meine Liebe zu ihm durfte noch einmal fließen. Dann nahm ich Abschied und ließ sein Schicksal ganz bei ihm. Er legte sich zu den ermordeten Franzosen und zu seinen toten Kameraden und fand dort Frieden. Ich verneigte mich vor allen und drehte mich dann mit meinen zwei Kindern um, schaute nach vorn und spürte das Neue vor mir. Die Dynamik der Verstrickung klopfte immer mal wieder im Innern an, aber dieser Druck wurde zunehmend schwächer. Ich entschied mich für das Leben – für mein Leben! Und ich schloss endlich Frieden mit der Tatsache, als Deutscher hier auf Erden zu leben. So habe ich im größeren Ganzen meinen Platz gefunden und fühle mich frei, einem jeden Menschen als Menschen zu begegnen, Verschiedenheiten zu achten und nach Gemeinsamkeiten zu schauen und sie wertzuschätzen.

Die Verdrängung der Toten im Bewusstsein (der Opfer wie der Täter!) und damit die Verdrängung der Schuld, welches Ausmaß sie auch immer im jeweils Persönlichen haben mag, zeigt sich in den Reaktionen der Nachkriegsgeneration: Hier versuchten immer wieder Nachkommen auszugleichen, zu bezahlen, wieder gutzumachen (Aktion Sühnezeichen, Kranke pflegen in Israel, Proteste gegen Straßen- oder Gebäudenamen, wenn diese Namen in Verbindung mit Verbrechen des Naziregimes standen). Es scheint so etwas wie eine „NS-Opfer-Identifizierung“ zu geben, auch dann, wenn Familienangehörige nur Zeugen von Gräueltaten wurden, so hat dies offensichtlich zum Versuch des Ausgleichs durch die Nachkommen geführt. Offenbar wirkt hier so etwas wie eine „Volksseele“, und selbst dann kann eine Identifizierung mit den Opfern auftreten, wenn die eigene Familie nicht unmittelbar schuldhaft verstrickt war. Hier standen und stehen (?) sicherlich nicht wenige Menschen in einem wohl selten ausgesprochenen Konflikt, nämlich auf beiden Seiten zugleich: der Täter- und der Opferseite. 

Es ist ein wesentlicher Schritt in der individuellen Entwicklung, den Anschluss an die eigene Familie gefunden zu haben. Doch diese Familie ist in ein Größeres eingebunden, welches man gewöhnlich Volk oder Staat nennt. Das Bekenntnis zum eigenen Herkunftsland ist – für mich als Deutscher in besonderer Weise – ein wichtiger Prozess in der eigenen Seele, durch den der Mensch innere Tiefe und Verwurzelung erfährt. Wer diesem Geschehen ausweicht und vielleicht deshalb auswandert, weil er anders sein will als sein Heimatland und seine Vorfahren, dem fehlt in der Seele die Aussöhnung mit dem Erbe der „Väter und Mütter”, ihm fehlt die Kraft, die nur aus der Tiefe der Wirklichkeit, auch und gerade der ungeheuerlichen Wirklichkeit, in seine Seele fließen kann. Es geht hier um ein Zustimmen zu dem, was auch immer im eigenen Volk in der Vergangenheit geschehen ist. Dies ist ein Zustimmen ohne Bedauern, wie Bert Hellinger es klar formuliert hat. Denn Bedauern trennt uns vom eigentlichen Geschehen, schafft Distanz, die uns nicht in Einklang kommen lässt mit den Tätern und den Opfern der deutschen Geschichte. Denn diese Geschichte, diese Vergangenheit, wurde durch unsere Vorfahren gestaltet, und wir alle bauen auf diesem Erbe auf: auf dem Lichten wie auf dem Dunklen, auf dem Schönen wie auf dem Schrecklichen, ob wir das nun mögen oder nicht. Erst die geleistete Zustimmung zur Wirklichkeit, wie sie ist (und war), bringt uns in Einklang mit den Kräften des größeren Ganzen, welches in allem Geschehen geheimnisvoll wirkt.

Wir wissen nichts Genaues über den Sinn, all das bleibt unbegreiflich, doch dient, so scheint es mir, auch das noch so Böse und Schreckliche einer übergeordneten, in allem wohnenden Wahrheit. Und es ist diese Wahrheit des größeren Ganzen, die uns alle trägt – die Lebenden wie die Toten. Aus diesem größeren Ganzen gelangen wir in die Existenz auf dieser Welt für eine Zeit und kehren danach zurück in das, was schon vor allem Irdischen war. Doch dieses geheimnisvolle größere Ganze, das sich im Bereich der Seele verwirklicht, liegt nicht oder nur zu einem kleinen Teil in unserer Hand. Die Seele steuert uns, nicht wir lenken sie!

Die nicht enden wollende Diskussion um die Gräueltaten der Nationalsozialisten zeigt nur, dass viele Menschen die Zustimmung zum Gewesenen verweigern, weil es ein allzu menschliches Bedürfnis ist, dem Schrecklichen auszuweichen: „Hitler, das ist immer ein anderer, das hat mit mir nichts zu tun.” Doch was ist mit dem Hitler in uns, dem Stalin in uns, jener mörderischen Kraft, die potentiell in uns allen schläft? Wer hinschaut erkennt: Wir sind diesem größeren Geschehen des tragenden Ganzen, das sich ganz konkret auch in allen Kriegen ausdrückt, kollektiv ausgeliefert und erleben hier nur Ohnmacht. 

Doch wer in dieser Ohnmacht zustimmt, vollzieht einen spirituellen Akt, der heilsame Kräfte freisetzt und ihn heil sein lässt. Dann kehrt in unserem Bewusstsein das Fehlende zurück, das Ausgeschlossene, was auch immer es gewesen sein mag: Täter und Opfer, Schuld und Tod. Dies aber ist eine religiöse Leistung, ein Prozess, in dem wir den Einklang der Seele mit allem Seienden erfahren. Dann haben wir Frieden und können auch den Toten ihren Frieden lassen. Wir verneigen uns in Liebe und Achtung vor den Toten, legen uns sozusagen für eine Weile neben sie. Hieran messe ich die Qualität der Erinnerung an die Opfer: Ob sie mich in ein tiefes Mitgefühl mit ihnen bringt und mir zugleich meine eigene physische Endlichkeit bewusst macht: Auch ich werde sterben. 

Erst wenn diese Anteilnahme vollzogen worden ist, empfange ich ihren Segen, lasse sie danach ziehen und gehe selber ins Leben zurück. Es darf vorbei sein, und es braucht kein Erinnern mehr – dann ist Frieden, und das Neue, das ewige JETZT, darf endlich kommen und erfahren werden. Erst wenn das Vergangene endlich vorbei sein darf und nicht täglich neu – als „Erinnern” maskiert – den Menschen vorgeworfen wird, kann es in der Zukunft mehr Frieden geben.

Rechtes Erinnern bedingt rechtes Vergessen. Das rechte Erinnern beendet durch die volle, gefühlte Zustimmung das Geschehene, und bringt uns so in Einklang mit dem Vergangenen. Das ist nicht nur in einer guten Ehe so, wenn über das alte Schlimme nicht mehr gesprochen wird, damit es gut weitergehen kann. Es gilt auch im Rahmen der so gutgemeinten Völkerverständigung. Denn wer ständig zurückschaut, der verspielt die guten Möglichkeiten der Gegenwart. Die Begegnung der Menschen kann nur im Jetzt geschehen. Wenn wir in den Erinnerungen der Vergangenheit stecken bleiben, werden wir uns verpassen. Sehe ich dich – und siehst du mich? Jetzt?